around the block

Schon seit vielen Jahren schafft der Luitpoldblock mit Kunst, Kultur und Architektur neue Räume für Begegnungen. Auch in der aktuellen Situation eröffnet der Luitpoldblock die Möglichkeit, das Münchner Kulturleben direkt zu erfahren. Anlässlich der langsamen Wiedereröffnung des Einzelhandels und als Reaktion auf die außergewöhnlichen Einschränkungen des Kulturlebens wurde eine Auswahl von jungen, in München lebende Künstler*innen eingeladen, die Schaufenster des Blockes zu gestalten. Initiiert und organisiert von Christian Ganzenberg in Zusammenarbeit mit Alina Eisner, Karsten Schmitz und dem Team des Luitpoldblocks.

Around the block, Lageplan

Kunst im Luitpoldblock

Lageplan

Jan Erbelding Prantl seit 1797
Stefan Fuchs Horst Kirchberger Makeup Studio
Stephan Janitzky & Laura Ziegler Salon Pauli
Kalas Liebfried Occhio Store Brienner Quartier
Anna McCarthy & Paulina Nolte Schwittenberg, Vitrine
Fiona Ones Bederke, finest fabrics
Jonathan Penca Schwittenberg
Paul Valentin Cafe Luitpold, Palmengarten
Maria VMier Flor & Decor

In Kooperation mit den teilnehmenden Geschäften haben die Künstler*innen nicht nur Schaufenster und Vitrinen ausgewählt, sondern sind mit ihren Werken individuell auf die Räume, Produkte, Ästhetik und Geschichten der jeweiligen Ladengeschäfte eingegangen. Die künstlerischen Interventionen reichen von Videoarbeiten, Installationen, Malerei, Zeichnungen und Skulpturen, bis hin zu ephemeren Konzeptarbeiten.

Alle Schaufenster sind ab dem 6. März 2021 für ca. 6 Wochen – rund um die Uhr – einsehbar. Je nach Möglichkeit werden in den nächsten Wochen verschiedene Führungen und Veranstaltungen rund um Luitpoldblock angeboten werden.

around the block, Jan Erbelding, Prantl

Prantl seit 1797

Jan Erbelding

ohne Titel (Uhr) [ I-III – 04.03.2021], aus der Serie ‚Unzulängliche Objekte / Objekte der Unzulänglichkeit‘, 2021

Jan Erbeldings künstlerische Praxis ist textbasiert und vermittelt sich vor allem durch seine Performances und Lesungen. Seit 2019 entsteht auch eine Serie lakonisch-poetische Objekte, ‚Unzulängliche Objekte / Objekte der Unzulänglichkeit‘, die meist aus entsorgten Versandkartons, Mal-Unterlagen oder aus Resten eines farbigen Fotokartons konstruiert werden. Leise ist das Ticken eines Uhrwerkes zu hören. Statt zwei Zeigern bewegen sich hier zwei Pappformen im Stunden- und Minutentakt. Diese Uhren haben keine abgeschlossenen Formen, sie konfigurieren sich ununterbrochen neu. Wenn man sie etwas besser kennenlernt, ihnen öfters begegnet, ist es vielleicht möglich ihre abstrakten Formen unserer gängigen Zeitmessung anzunähern. Letztlich sind Erbeldings Unzulängliche Objekte dingliche Manifestationen von etwas das keine Existenz hat, und dem wir dennoch alle unterworfen sind: der Zeit.

Jan Erbelding (*1984, Freudenstadt) ist ein in München lebender Künstler. Nach einer Fotografen-Lehre, einem Medienkunststudium an der HfG Karlsruhe, studierte er freie Kunst an der Akademie der Bildenden Künste München und schloss dieses als Meisterschüler bei Olaf Nicolai ab. Seine Arbeiten waren zuletzt zu sehen in der Kunsthalle Wien; im Eigen Art LAB, Berlin; Stiftung Federkiel, München; Kunsthalle Baden Baden/Cité, Baden Baden; Kreuzberg Pavillion, Berlin; D21, Leipzig; Kunsthalle Baselland, Basel. Jan Erbelding betreibt – zusammen mit Leo Heinik und Maria von Mier – Ruine München, ein Offspace, der Ausstellungen im Format einer Publikation realisiert, die jeweils einer Künstlerin gewidmet sind.

around the block, Stefan Fuchs, Horst Kirchberger

Horst Kirchberger Makeup Studio

Stefan Fuchs

Two flower children, still high on each other, 2020

Der großformatige Wandteppich, den Stefan Fuchs im Schaufenster bei Horst Kirchberger präsentiert, zeigt ein asexuelles menschliches Wesen, das sich in eine Sonnenblume zu verwandeln scheint. Dabei ist kurioserweise nicht der Kopf die Blüte, sondern vielmehr der Ausgangspunkt des Wurzelwerkes der liegenden Pflanze. Der Titel erinnert uns an Hippies und den legendären Summer of Love 1967, in dem „Love, Peace and Happiness“ die gültigen Maxime waren. In dieser Interpretation scheint Flower ohne Power zu sein; der Rausch jener Zeit ist verflogen und einer traumartigen Starre gewichen. Das Bild des Blumenkindes sitzt als Fenster vor einem grauen Vasarely-esken Hintergrund aus geflochtenen Baumwollstreifen. Auf dieser Bühne zeigt Stefan Fuchs seine verunklärende Erzählkunst, mit der er die verschiedensten Ideen zu spinnen und leichtfüßig miteinander zu verknoten weiß. Dabei greift er gern auf die visuellen Welten und Materialien der 1960er und 1970er zurück, um daraus groteske alternative Narrationen für das 21. Jahrhundert zu erfinden.

Stefan Fuchs (*1988 in München) ist ein München lebender Künstler. Er studierte an Akademie der Bildenden Künste München bei Nairy Baghramian, Kerstin Brätsch, Olaf Nicolai und Hermann Pitz. Seine Arbeiten wurden zuletzt im Neuer Essener Kunstverein; bei Mélange in Köln; Mauve, Wien; und in der Galerie Sperling, München präsentiert. 2019 wurde Stefan Fuchs der Förderpreis für junge Kunst des Kunstclub13 e.V. zugesprochen. Er ist zudem der Co-Founder und Betreiber des Artist-Run Space „Loggia“ in München.

around the block, Stephan Janitzky & Laura Ziegler, Salon Pauli

Salon Pauli

Stephan Janitzky & Laura Ziegler

Der Ziereremit im Salon, 2021

Die Figur des Ziereremiten begleitet das Tun von Stephan Janitzky und Laura Ziegler schon lang und findet sich nun im Salon Pauli ein. Ziereremiten waren Ende des 18. Jahrhunderts besonders beliebt: Sie wurden von Parkbesitzer als Eremitendarsteller angeheuert, damit sich diese an ihrer romantisiert-verwilderten Erscheinung ergötzen konnten. Die Darsteller verpflichteten sich oft vertraglich ihre Zehen- und Fußnägel nicht zu schneiden, ihr Haar lang und offen zu tragen, sich zu bestimmten Uhrzeiten – in einem kunstvoll „ruinierten“ Gewand – im Außenraum aufzuhalten. Zudem gehörte es zu ihren Pflichten weise zu wirken, und ab und an spazierenden Gästen ein Gedicht vorzutragen. Da den Ziereremiten im Gegenzug für ihr Agieren in eigens erbauten Grotten und Holzverschlägen, eine Lohnzahlung, Unterkunft und Verpflegung gewährt wurde, lassen sie sich als Performer avant la lettre bezeichnen.

In den Schaufenstern des Salon Pauli hat sich ferner ein exotisches Gürteltier, wie man es sich zu jenen Zeiten vorstellte, Obdach gefunden. Die Op-Artigen Muster der Stoffmalereien bringen zudem Unordnung in die interesselose Betrachtung der Pappaufsteller. Sie motivieren den Perspektivwechsel, bei dem der Ziereremit und sein Gürteltier vor den schwarz-weiß karierten Flächen zu aktivierbaren Figuren eines phantasievollen Gedankenspiels werden.

Laura Ziegler (*1990), lebt in Hamburg und München. Performances und Beteiligungen an Gruppenausstellungen u. a. Münchener Opernfestspiele, Kunstverein Arnsberg, Galerie Deborah Schamoni München, KUB Arena Kunsthaus Bregenz, Madre Museum Neapel, Stadtgalerie Bern, Halle für Kunst Lüneburg. 2019 veröffentlichte sie mit Stephan Janitzky im SuKultur Verlag „Haus der Kunst- Texte und Noten“, verbunden mit einer Aufführung im Haus der Kunst München, sowie „not working“, Kunstverein München.Seit 2019 organisiert sie die expanded-cinema-Reihe “PROFORM FILMKLUB”.

Stephan Janitzky (*1983 in Augsburg) malt, macht Performances, Installationen und Collagen, schreibt und arbeitet in München an der Akademie der Bildenden Künste. Seine Werke wurde unteranderem bereits im Lehnbachhaus, München, Kunstverein der Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, im Kunstverein Freiburg und zuletzt im Kunstverein München präsentiert. Zudem ist er Veranstalter der Literatur Vortragsreihe “Beautiful Books Club” (BBC) in der Favorit Bar und mit Sebastian Stein ist er Herausgeber des KünstlerInnen Magazins MUSS STERBEN. Er ist zudem Preisträger des Kunstförderpreis Bayern 2020.

around the block, Kalas Liebfried, Occhio Store Brienner Quartier

Occhio Store Brienner Quartier

Kalas Liebfried

Petrified Visions in the Circular Air, 2021

Kalas Liebfried arbeitet mit audio-skulpturalen Assemblagen und kreiert mit Sound-Performances ortsspezifische Situationen und Atmosphären. Intuitiv und spontan fiel seine Wahl auf die drei bühnenhaften Schaufenster des Occhio-Stores im Luitpoldblock. Verweilt man vor einem dieser Fenster kann man eine diffuse Melodie vernehmen: Es ist das verlangsamte Fragment eines Songs der britischen Indie-Rockband The Smiths. „There is a light that never goes out…“. Die ‚visionären‘ Gitarrenverstärker spielen diese kurze Zeile in einem endlosen Loop, immer und immer wieder. Subtil verschiebt sich das glatte und heimelige Credo der Lichtdesigner – a new culture of light – hin zu unheimlichen und unerwartet politischen Schnittstellen, wie dem mahnenden, ewigen Feuer am Platz der Opfer des Nationalsozialismus. In den weiteren Schaufenstern findet man ein mit „Iconic Air“ betiteltes Video, das die Glasscheibe als Resonanzfläche nutzt und eine aus Beton gegossene Gitarre, die bereit für eine Aktivierung zu sein scheint. Sie erweitern den Assoziationsrahmen und verstärken die poetische Verschränkung dieser disparaten Welten, Geschichte(n) und Gegenwart(en).

Kalas Liebfried (*1989 Svishtov, Bulgarien) lebt und arbeitet in München. Nach einem Philosophie-Studium studierte er an der Akademie der Bildenden Künste München, bei Alexandra Bircken, Stephan Huber und Julian Rosefeldt. Seine Performances waren zuletzt im Lehnbachhaus, Haus der Kunst und in der Pinakothek der Moderne, in München, sowie in der Sofia City Art Gallery und bei IDEAL in Leipzig zu sehen. Kalas Liebfried co-kuratiert das PARA Sound Festival und den nicht-kommerziellen Rosa Stern Space in München.

around the block, Anna McCarthy & Paulina Nolte, Schwittenberg Vitrine

Schwittenberg, Vitrine

Anna McCarthy & Paulina Nolte

Bloodless Boutique, 2019

In ihrer vegetarischen Fernsehserie Bloodless reagieren die Künstlerinnen Anna McCarthy und Paulina Nolte mit überzeichneten, humorvoll trocken erzählten Geschichten auf aktuelle Zerrbilder unserer Gegenwart. Der in der Schwittenberg Vitrine präsentierte erste Teil, Bloodless Boutique von 2019, zeigt einen skurrilen Dialog von zwei leicht versnobten Damen. In der surrealen Ladenszene, leicht entrückt und in Bonbonfarben getaucht, sorgt sich die Kundin um die seelische Beschaffenheit ihrer ledernen Luxushandtasche. Der sensiblen Verkäuferin gelingt es Kontakt mit dem tierischen Ursprung der Tasche aufzunehmen und sie schildert der verzweifelten Besitzerin diese drastische nicht vegetarische Realität: “Welcome to reality, Madame.” In dieser Präsentation des Filmes im Luitpoldblock dreht sich das Verwirrspiel geschickt weiter: Die Künstlerinnen haben die schlichte Vitrine zum heimeligen Séparée umgestaltet, passende Taschen aus der Boutique integriert und die unpassenden Verpackungsboxen entsprechend ‚umfirmiert‘.

Anna McCarthy (*1981, München) studierte an der Kingston University of Art & Design London, der Akademie der Bildenden Künste München und an der Glasgow School of Art. Ihre Arbeiten wurden bereits international ausgestellt, u.a. im Haus der Kunst, D-0 ARK Underground, Kunstverein Göttingen, Kunstbau im Lenbachhaus und der Pinakothek der Moderne. 2020 erhielt sie das USA Scholarship des Baxrischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Anna McCarthy spielt auch in den Bands WHAT ARE PEOPLE FOR?, SALEWSKI und MOON NOT WAR.

Paulina Nolte (*1992, Munich) studierte an der Akademie der Bildenden Künste München bei Klaus vom Bruch, Julian Rosefeldt, Kerstin Brätsch und Anne Imhof. Ihr künstlerisches Schaffen umfasst Zeichnungen, Keramiken, Texte und Musik, die oft in ihren Performances zusammengeführt werden. Im Juli 2020 performte sie zuletzt im Lenbachhaus, München, und präsentierte ihre jüngste Publikation „Desert of Unrest” mit Ruine München.

around the block, Fiona Ones, Bederke

Bederke, finest fabrics

Fiona Ones

I was lying in the woods and was searching for the sun, 2019

Am Anfang der Zeichnungen von Fiona Ones steht immer ein Maß, eine emotionale Vermessung zwischen ihrem gefühlten „Standort“, ihrer aktuellen Umgebung, ihrer unmittelbaren Erfahrung und einem erinnerten ‚safe haven‘. Dieser empfundene Abstand, repräsentiert durch eine farbige Linie, ist der Ausgangspunkt für die großformatige Papierarbeit I was lying in the woods and was searching for the sun von Fiona Ones. Aus diesen Linien erwachsen flüchtig, zarte Wolken von Buntstiftmarkierungen, die sich organisch verdichten oder im porösen Weiß des Blattes verlieren. Das meditative Rauschen ihrer Zeichnungen erzielt Fiona Ones durch die Verwendung von Nadeln, mit denen sie – seitlich in das Papier einstechend – ihren Blättern eine leichte Topografie einschreibt. Sobald diese „pointilistischen Nadelzeichnungen“ im richtigen Licht erscheinen, eröffnen ihre Schatten die Rhythmen und unsichtbaren Formen der Nadeleinstiche. Dann zeichnen sich die Blätter erneut selbst, fordern unsere Sensibilität und helfen uns den alltäglichen „noise“ zu überwinden.

Fiona Ones (*1986 in Deutschland) lebt und arbeitet in München. Sie studierte an der Parsons New School for Design, zunächst in Paris und später in New York. Die jüngsten Werkgruppen entstanden bei mehrmonatigen Aufenthalten in der Beirut Art Residency und bei THREAD, The Josef and Anni Albers Foundation im Senegal. In diesem Jahr werden ihre Werke in der A.I Gallery, London, in der Void Gallery, Derry zu sehen sein.

around the block, Jonathan Penca, Schwittenberg

Schwittenberg

Jonathan Penca

Solid Kats, 2019

Jonathan Penca zeichnet, performt und schafft Skulpturen. Sein Interesse gilt dem Bühnen- und Kostümdesign, sowie der Dramaturgie. In seiner künstlerischen Praxis verhandelt er die Grenzen zwischen Realität und Inszenierung stets neu und greift dabei auf diverse Referenzen aus Popkultur, Science-Fiction oder Naturwissenschaften zurück. Auch die derzeit bei Schwittenberg „eingezogenen“ Solid Kats erscheinen als eine Melange aus Godzilla, Karosserie eines Sportwagens und aufmerksamer Gesellschaftsstudie. Für diese Präsentation wurden die Geschöpfe fragmentiert, um anschließend erweitert und neu zusammengefügt zu werden. Auf den ersten Blick denkt man an „die stilisierten Großkatzen aus Stein, die sich vor Treppenabsätzen großer Architekturen und Denkmälern in Pose werfen oder mit erhobenen Klauen und weit aufgerissenem Rachen das bayerische Staatswappen zieren.“ (Franziska Linhardt) Doch die überlebensgroßen Kreaturen aus Papiermaché, besetzen nicht nur bedrohlich den Raum, sondern sie könnten auch animiert werden. Penca überlagert damit nicht nur die Widersprüche zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit, zwischen High und Low, sondern auch zwischen Imitation und Inszenierung, so dass sich diese Gegensätze fast aufzulösen scheinen.

Jonathan Penca (* 1988, Augsburg) studierte Bildende Kunst an der Städelschule in Frankfurt am Main bei Judith Hopf und Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Julian Göthe. Seine Werke wurden unter anderem bei CONDO London, bei Deborah Schamoni und Loggia, München, sowie bei Camera Matteotti in Wien ausgestellt. Jonathan lebt und arbeitet in München.

around the block, Paul Valentin, Palmengarten

Cafe Luitpold, Palmengarten

Paul Valentin

Nothing left, 2020

Paul Valentin setzt sich in seinem künstlerischen Schaffen mit existenziellen philosophischen Fragen und Paradoxien auseinander. Für seine jüngste Werkgruppe hat er sich auf eine interdisziplinäre Suche nach dem „Nichts“ begeben. Ein Fundstück dieser Recherchen ist eine Stellwand, die nun im leeren Brunnen im zentralen Palmengarten des Luitpoldblockes steht. Diese mutet an wie ein antikes Wandrelief, denn sie zeigt die berühmte Szene des griechischen Dichters Hesiods, in der Pandora, die von Hephaistos aus Lehm geschaffen wurde, ihr berüchtigtes „Gefäß“ öffnet – die Büchse der Pandora. Heraus schweben, dem Mythos zufolge, alles Unheil von dem diese Welt bisher verschont geblieben war. Doch im Mythos selbst heißt es weiter, dass Pandora den Deckel wieder verschließt und etwas im Inneren zurückbleibt. Das ist die Hoffnung (griech.: elpís „die Erwartung“).

„Wenn wir also heute vom Unheil sprechen, welches das Öffnen der „Büchse der Pandora“ freisetzt, so kann dabei eigentlich nur noch von der Hoffnung die Rede sein, denn das sonstige Unheil ist bereits entkommen. Im Kontext des Nichts wirft das Pandora-Motiv vor allem den Aspekt des „Bewahren“ oder besser „Suspendieren“ auf. Denn wenn wir uns erlauben, dass die Hoffnung entfährt, bliebe in Pandoras Büchse nur noch das Nichts übrig – und das ist entweder, das größte Übel von allen oder die letzte Hoffnung.“ (Paul Valentin)

Paul Valentin (*1990 in München) lebt und arbeitet in München. Im Jahr 2019 schloss er sein Studium bei Stephan Huber und Alexandra Bircken an der Akademie der Bildenden Künste in München. Im selben Jahr erhielt er den Karl & Faber Kunstpreis und den Preis des Akademievereins. Seine Werke waren zuletzt im Maximiliansforum und in der Preisträgerausstellung bei Karl & Faber in München zu sehen. Anlässlich dieser Ausstellung erschien das Künstlerbuch „Air into Solid“ (2020).

Maria VMier

Flor & Decor

Maria VMier

ohne Titel [Sappho], 2021

Maria VMiers Intervention für Flor & Decor nahm ihren Anfang in der Auseinandersetzung mit Sappho (ca. 630~612 – 570 v. Chr.), der bekanntesten Dichterin der griechischen Antike. Ihre Gedichte gehören heute zu den wenigen Zeugnissen des Frauenlebens jener Zeiten in Europa. Sie erzählen von Liebe und Abschied, vom Altern, von weiblichem Begehren und Erotik. Sappho leitete auf der Insel Lesbos einen der Zirkel zur Erziehung junger adliger Mädchen, die als selbst-organisierte Orte einer weiblichen Gegenkultur innerhalb der patriarchalen Gesellschaft gelesen werden können. Die Schönheit, die Sappho und ihre Schülerinnen als sichtbaren Ausdruck des Göttlichen kultisch verehrten, scheint mit dem Begriff der Schönheit heute nur wenig gemein zu haben. VMiers Arbeit ohne Titel [Sappho] nähert sich dem stark belasteten Begriff der Schönheit wieder als einem emanzipierten an: ein „schönes“ Stempelmotiv bestehend aus einem Gedichtfragment Sapphos und einer abstrakten Zeichnung, die einem flüchtigen Federkleid mit einem Raubkatzenmuster ähnelt, abgedruckt auf einer unbestimmten Anzahl von Bögen aus Blumenseide. Die Florist*innen von Flor & Decor werden darin in nächster Zeit die Sträuße für ihre Kund*innen verpacken. Nicht zuletzt ist diese Arbeit, mit ihrer im Ornament versteckten Widmung an VMier’s kürzlich verstorbene lesbische Tante („Für Susa“), ein zartes Anti-Monument für die lesbische Liebe und eigenwillige Frauen.

Maria VMier ist eine in München lebende Künstlerin und Verlegerin. Sie hat Malerei bei Johanna Kandl in Wien (Universität für Angewandte Kunst) und Bildhauerei in München bei Olaf Metzel studiert und 2015 als Meisterschülerin abgeschlossen. Zuletzt hatte sie Einzelausstellungen bei BOAN Art Space in Seoul (Korea) und in der Artothek München, war beteiligt an Ausstellungen im Lenbachhaus München und in der Lothringer 13 Halle, sowie im Heiligenkreuzerhof, Wien. Ihr Werk wurde mit dem Förderpreis für Bildende Kunst 2020 von der Stadt München ausgezeichnet. 2018 hat sie den FLAT Art Prize—CRT Art Foundation in Turin erhalten, zusammen mit Stefanie Hammann, mit der sie seit 2013 auch den Hammann von Mier Verlag für Künstler*innenbücher betreibt. Seit 2017 organisiert MariaVMier mit Jan Erbelding und Leo Heinik den nomadischen Offspace Ruine München und seit 2019 leitet sie außerdem mit Mako Sangmongkhon und Beowulf Tomek den städtischen Kunstraum FLORIDA Lothringer 13.